The Audiophile Choice

The Jamie Saft Quartet: „Hidden Corners“

RareNoise Records, 2019

Nachdem er in letzter Zeit seine große musikalische Bandbreite und geradezu unerschöpfliche Produktivität unter Beweis gestellt hat – vom tiefenentspannt, genial swingenden Trio „The New Standard“, bis zum herausragenden Solo-Piano-Doppel-Album, vom Hardcore-Fusion-Freejazz („Pole Axe“), bis zum lockeren Dub-Reggae für den nachhaltigen Strandurlaub (New Zion: „Sunshine Seas“) – zeigt der traditionsbewusste Visionär Jamie Saft einmal mehr, wie er die ganze Jazzgeschichte stilsicher aufnimmt und transzendiert (vgl. JazzPodium 7-8/2019).

Ganz im Geiste von Coltrane (John und Alice), Albert Ayler oder Pharoah Sanders zeigt der aus dem Dunstkreis von John Zorn aufgetauchte New Yorker Pianist, Komponist und Keyboarder auf seinem neuesten Album „Hidden Corners“, dass er auch die spirituelle Seite des heutigen Jazz tief verinnerlicht hat. Über seine prominenten Mitmusiker Dave Liebman (Saxofon und Flöte), Brad Jones (Kontrabass) und Hamid Drake (Drums) sagt Jamie Saft, sie seien „alle Meister darin, mystische Momente durch Musik zu erzeugen“.

Stimmt, letztlich geht es ja auch genau darum, und ihm selbst gelingt es mit diesem Quartett wieder mühelos, diese „magic moments“ herauf zu beschwören, mit einer tief in der Jazz-Tradition verankerten und doch innovativen Musik, gleichermaßen intellektuell und emotional ergreifend und mit einer lange nicht mehr gehörten, über sich hinaus weisenden Spiritualität.

Erstaunlich, wie man beim Hören dieser klanglich gut aufgenommenen und erfreulicherweise auch als Vinyl im stabilen Gatefold-Cover erschienenen Platte an die großen Vorbilder erinnert wird, ohne jedoch auch nur einen Moment an eine schlichte Nachahmung oder gar eine Kopie zu denken. Denn dafür hat Safts Musik eine viel zu große Tiefe, Kraft und Eigenständigkeit, sie hat gewissermaßen Wurzeln und Flügel, auch in den freiesten Passagen geht von ihr ein großer Frieden aus. Es ist neue, absolut gegenwärtige Jazzmusik, und wer dazu bereit ist, kann sich beim Hören auf eine wunderschöne, transzendente, dabei aber unsentimentale Reise mitnehmen lassen.

 

Thomas Neuhauser /  29. Juli 2019      

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